Sonntagsblatt 2/2018 - Page 2

s Leitartikel Die deutsche Sprache im Karpatenbecken (Teil I.) (Geschichte, aktuelle Situation und Entwicklungen) Von Prof. Dr. Nelu Bradean-Ebinger Einleitung Laut Angaben des Bundesministeriums des Innern leben derzeit noch rund 500.000 Deutsche in Ostmittel- und Südosteuropa, die größten Gruppen in Polen (zwischen 148.000 und 350.000), Ungarn (132.000) und Rumänien (36.900). Etwa 40.000 vertei- len sich auf Estland, Lettland, Litauen, Tschechien, die Slowakei, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina sowie Serbien. Im sogenannten Karpatenbecken (ung. Kárpát-medence) ließen sich die ersten deutschen Siedler schon im 9. Jahrhundert nie- der und lebten seither meistens nebeneinander mit den hiesigen Völkern zusammen, selten miteinander, aber auch oft gegenei- nander. Deutsche im Karpatenbecken von der Zeit des Andreanum bis zum Ende der Türkenherrschaft in Ungarn Das Karpatenbecken war seit prähistorischer Zeit von verschie- denen - vor allem indoeuropäischen - Völkern bewohnt. Nach dem Verfall des Weströmischen Reiches im Jahre 476 n. Chr. lebten vor allem verschiedene germanische - Langobarden, Ski- ren, Gepiden - und slawische Stämme auf dem Gebiet Pannoni- ens. Das später „deutsch“ genannte Volk, das sich im Laufe des 8.-9. Jahrhunderts im östlichen Teil des Frankenreiches entfalte- te, lebte nördlich der Alpen. Das Deutschtum im Karpatenbecken war also kein Ureinwohner, aber schon im Laufe des 9. Jahrhun- derts erschienen die ersten ostfränkischen Sippen in Pannonien. Die fränkische (frühdeutsche) Ansiedlung spielte sich auf ver- schiedene Art und Weise ab. Einerseits kamen die Franken nach 800 n. Chr. als Eroberer nach Pannonien. Nach dem Verfall des Awarenreiches siedelten sie sich durch die Zurückdrängung der Awaren und der anderen Völker an. Andererseits wurde die frü- here, eingeborene Bevölkerung von ihnen langsam, aber sicher assimiliert. Der fränkische Kaiser Karl der Große gründete zwei Markgraf- schaften auf dem Gebiet Pannoniens - die Ostmark und Friaul -, sie sollten die Ostgrenzen des Frankenreichs schützen. Infolge der östlichen Expansion des Frankenreichs ließ sich eine Bevöl- kerung mit fränkischer und bayerischer Sprache auf dem Gebiet Pannoniens und des Großmährischen Reiches nieder. Die wäh- rend des 9. Jahrhunderts gegründeten deutschen Siedlungen waren in der Gegend des Plattensees und Fünfkirchens/Pécs konzentriert. Die am Ende des 9. Jahrhunderts einsetzende ungarische Land- nahme veränderte grundsätzlich die politische und gleichzeitig auch die ethnische Landkarte des Karpatenbeckens. Im Karpa- tenbecken wurden beide Markgrafschaften infolge der Angriffe der Ungarn und der Mährer am Anfang des 10. Jahrhunderts ver- nichtet. Der ostfränkische König Otto d. Große (935-973) grün- dete später als deutsch-römischer Kaiser abermals die Markgraf- schaft Ostmark. Trotzdem kamen wegen der politischen Situation keine neuen fränkischen oder anderen „deutschen“ Siedler aus dem Deutsch-Römischen Reich ins Karpatenbecken. Im ungari- schen Fürstentum des 10. Jahrhunderts lebte keine bedeutende deutsche Bevölkerung. Die ungarische Staatsgründung brachte eine Veränderung aus der Sicht der deutschen Ansiedlung und nach hundertjähriger Abwesenheit ließen sich Deutsche als Gäste (hospites) wieder 2 in größerer Zahl im Karpatenbecken nieder. Vor allem kamen Ritter, Priester, Mönche und Bauern nach Ungarn und spielten eine bedeutende Rolle in der um die Jahrtausendwende begon- nenen Christianisierung Ungarns. Die deutschsprachige Bevöl- kerung erfüllte wichtige Aufgaben im militärischen, politischen, kirchlichen und wirtschaftlichen Leben des Landes. Was für eine eminente Rolle die angesiedelten Deutschen im Leben des un- garischen Staates hatten, wird durch einige Beispiele aus jener Zeit beleuchtet. Die deutsche Bevölkerung, die entlang der Flüsse Kraszna und Bereteu angesiedelt wurde, verteidigte schon im 11. Jahrhundert das Tor von Meszes gegen die Angriffe der östlichen Nomaden. Dieses Tor bildete eine wichtige Straße zwischen der großen ungarischen Tiefebene und Siebenbürgen. Im Jahre 1052 versenkte ein deutscher Burgsoldat, Sothmund (der ungarischen Überlieferung nach der „Taucher Kund”) die deutschen Schiffe auf der Donau, die die Stadt Preßburg/Poz- sony belagerten. Preßburg/Pozsony hatte schon im 11. Jahr- hundert in großer Anzahl eine deutsche Bevölkerung, erhielt das Stadtrecht aber erst Anfang des 13. Jahrhunderts. 1074 übergab König Salomon seinem Schwager, dem deutschen Kaiser Heinrich IV. die Stadt Wieselburg/Moson. Der Kaiser be- güterte mit diesem Gebiet deutsche kirchliche und weltliche Großgrundbesitzer des deutsch-römischen Reiches. Wiesel- burg/Moson erhielt zusammen mit Ungarisch-Altenburg/Magya- róvár 1354 das Ofner Stadtrecht. Vom 11. Jahrhundert an wuchs die Bevölkerung Westeuropas mit rasender Geschwindigkeit und dies führte dazu, dass die deutschen Bauern nach Osten, nach spärlich bewohnten Gebie- ten auswanderten. Unter der Regierung von Geisa II. (Géza) aus der Dynastie der Árpáden (1141-1162) nahm die Ansiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung in Ungarn in größerem Maße ihren Anfang. Die Zielorte dieser Ansiedlung waren Oberungarn und Siebenbürgen. Die Zahl der Gäste (hospites), die unter der Regierung von Geisa II. nach Ungarn kamen, erreichte et vSf֖ƖV6WGv##SV66VFR&Wl;fƶW'Vw2ЧFW"FWWG66VwV62FVVFV'VFVFW0"&VFW'G2GW&6vVFW&R7FVVBGW&6FRL;"ЦƖ6R&Wl;fƶW'Vw7VRfvRFW"6VFVvV&FWFV66vV6VFVw6vV&WFRVv&FW2֗GFVFW'2W&W3FR2VBFW";fw6&FVFR2Vf77BF2fFV666V&WvFRvV&WBF2VFrFW" ;g7FƖ6VVB<;BЬ;g7FƖ6V&:FvRFW"VFG&VBVFrFW2fW76W0W&ƖVwBFW"RFW2<:F6666VvV&WFW26V&VЦ,;&vVv&BVbFR&VVVrGW&6vV6W,;6vVl;Ƈ'BFW ;fw6&FVv"GW&6FRf;76R֖W&W66w&9ԶVFVBVBGW&6F2W&7L:FGFW"vV&&vR&Vw&VBFRVfvЦ&RFW"FWWG66V<:F6666V6VFW"v"FR&Wl;fƶW'VrFW 7 :G&Ɩ6&WvFVvV&WFR6RR&Wv'G66gFVVBvV6ЧVFrFRw&VVFW6W"vV&WFRRfW'FVFvV#&VbG&V2FVW2FVVƖvVBfW'G&V&VVFWWG66V&GFW&&FV2BVB6VFVFR'W'V@FW"FWWG66R&GFW&&FV6VFVFR6VW'6VG2vVFW&RFWWBЧ66R7FV'W'VB##B7BVv6FvW2"FW"vW666FRFW2FWWG66GV2Ф'FV&V6VFVFW";fr&VvVFRFW6V"VVЦw&9Vg&VVG6'&Vb6vVFVG&VVFR&V6FPFW"6V&V,;&vW"<:F6666VW766Ɩ\9Ɩ6VbFV;fw2Ц&FVvW6VFVFV&Wl;fƶW'VrWBg&VVG6'&VbGW&gFRFW ;frFV&FVFW"666VVFVVVVvV&VFR666V7FFVFW"V֗GFV&"VFW"FW"vW&6G6&&V@FW2;fw2VBFW2W&7L:FGFW"w&fV֗BFVG&VЦVGFRFW";frF2VFRv66V'&27:7l:&0VB&,;7BV&VFR&Wl;fƶW'VrW&7F66RVVfF7G&V'FVFR6V&V,;&vW"666V7FWG2F6&RG&RЦVfW7FvW66&V&VV&fVvVfWvVƖvV;frW"Ч6Fw6&G@