PhotoWeekly 22.05.2019 | Page 27

Technik M E TA -T E S T 27 CANON RF 28-70 mm f/2L USM Monster aus Glas 95 mm Filterdurchmesser und fast 1,5 Kilogramm Gewicht – in einem Standardzoom? Die Eckdaten von Canons RF-Kracher machen neugierig. Überzeugt es auch in der Praxis? Von Ruben Schäfer Mal unter uns: Nach dem Bajo- nett-Wechsel bei Canon Anfang der 90er Jahre hat sich der Objek- tiv-Markt doch schnell auf „Stan- dard-Lösungen“ verständigt. Die Folge: Ein 24-70 mm f/2.8 hier, ein 35er f/1.4 da – die Zeiten von Le- genden wie dem EF 50 mm f/1.0L mit Autofokus waren schnell vorbei. Und auch für den RF-An- schluss ist schon ein 24-70 mm f/2.8 angekündigt und kommt die- ses Jahr. Da stellt sich die Frage: Ist das 28-70 mm f/2 eine in Seri- enproduktion gegangene Mach- barkeitsstudie, ein Marketinggag für den neuen Anschluss – oder ein neues Level an Flexibilität? Denn Tatsache ist: Mit 28 mm, 35 mm, 50 mm und 70 mm ersetzt Canons Schwergewicht theore- tisch vier Festbrennweiten. N O 079 21/2019 Canon RF 28-70 mm f/2L USM sehr gut Quick Facts: Preis: ca. 3.250 Euro Gewicht: 1.430 g Ausstattung Bevor wir zur Bildqualität kom- men, sprechen wir zunächst über die Eckdaten. Das RF 28-70 mm f/2L USM, so der volle Name, ist aus dem Canon-typischen Kunst- stoff gefertigt und macht einen sehr hochwertigen Eindruck. Der Zoomring läuft gleichmäßig satt und kann gesperrt werden, der Fokusring ist leicht zu drehen und der neue Funktionsring, der ganz vorne sitzt, ist frei program- mierbar. Sonst bietet das Objektiv nur noch den obligatorischen AF- MF-Schalter, keinen Bildstabili- sator und auch keine Fokusskala mehr. Canon betont, die Konstruk- tion sei auf höchstem Niveau ge- gen Staub, Dreck und Wasser ge- schützt und verfüge über einen stoßdämpfenden Mechanismus für mehr Robustheit und Langle- bigkeit. Von all dem ummantelt verrichten 19 Linsen in 13 Grup- pen ihren Dienst, darunter eine UD-Linse, die durch eine 9-La- mellen-Blende (f2.0-f/22) blicken. Angetrieben wird das Paket, wie bei Canons L-Klasse üblich, von einem Ultraschallmotor.  Filterdurchmesser: 95 mm Naheinstellgrenze: 39 cm Blendenlamellen: 9 Mit über einem Kilo ist das Canon recht schwer, da- für aber sehr gut verarbeitet. Es ist scharf und hat ei- nen sehr schnellen Autofokus verbaut. Auch wenn sich Canon viel Mühe gegeben hat: Perfekt ist das 28- 70er auch nicht. Ärgerlich ist vor allem das sogenannte Fokus- Breathing; je näher die Fokusebe- ne liegt, desto weniger Brennwei- te liefert das Canon. 70 mm gibt es also nur, wenn das Motiv mehr als 20 Meter entfernt ist. Ein Problem, das tatsächlich viele Objektive mit ihm teilen. Aber immerhin, wo wir schon über den Fokus sprechen: Der macht seine Sache sehr gut, reagiert schnell und in Verbin- dung mit dem neuen Augen-AF- Servo auch sehr treffsicher. Trotz des wuchti- gen Äußeren fühlt sich die Kombina- tion mit der spie- gellosen EOS gut in der Hand an. Bildqualität Die hohe Qualität zeigt sich auch in den Fotos; schon bei Offen- blende ist das Objektiv in der Bildmitte bei allen Brennweiten dermaßen scharf, dass bei den 30 Megapixeln der EOS R ein Ab- blenden kaum mehr nötig er- scheint. Spätestens bei Blende vier ist das Optimum erreicht, dann ziehen auch die Ränder nach. „Bereits ab Offenblende wirkt das Objektiv sehr hochauf- lösend, auch die Verzeichnung fällt in der Praxis nicht allzu stark ins Gewicht“, berichtet auch Digitalkamera.de. D-Pixx beschei- nigte im Test zudem eine gute Korrektur von chromatischen Aberrationen und Flares. Alles in allem steckt Canon so sogar eini- ge Festbrennweiten aus eigenem Hause in die Tasche.  Canon setzt auf sehr viele Dichtun- gen und sogar ei- nen Stoßdämpfer, um mit dem Objek- tiv den hohen An- sprüchen von Re- portagefotografen gerecht zu werden. Das sagen die Kollegen ...  „Das Canon RF 28-70 mm F2 L USM Objektiv ist ein gro- ßes, schweres und teures Objektiv, das aber fantastisch ist. Dieses Objektiv, das weltweit Erste seiner Art, bringt die f/2-Blende in das äußerst nützliche Standardzoomobjek- tiv. Mit dem RF-28-70-mm-F2-L-Objektiv in der Hand ist es wie mit mehreren Festbrennweiten, die alle immer an der Kamera montiert sind. Dass dieses Objektiv alleine in der Lage sein könnte, einen Satz Linsen zu ersetzen, macht die Nachteile wieder wett. Die Bildqualität dieses professionel- len, rundum leistungsstarken Objektivs ist gigantisch. Es ist aber nichts für Hobbyfotografen.“  (Bryan Carnathan)  Hervorragend ++ „Dieses Objektiv ist es alles in allem alleine wert, ins EOS- R-System einzusteigen – sofern das Budget bei rund 5.000 Euro für Kamera und Objektiv liegt.“  (Herbert Kaspar)  „Das Canon RF 28-70 mm 2L USM ist zwar alles ande- re als preisgünstig, liefert dafür aber auch eine sehr gute Bildqualität ab. Als Kompromiss muss man das hohe Ge- wicht und den fehlenden Bildstabilisator in Kauf nehmen, erhält aber ein einzigartig lichtstarkes Standardzoom, das manche Festbrennweite überflüssig macht. Am meisten kann man Canon negativ ankreiden, dass das Gehäuse zwar spritzwassergeschützt ist, aber größtenteils aus Kunststoff besteht, auch wenn dieser Werkstoff durchaus Vorteile bie- tet und ebenfalls sehr robust sein kann. Bei der Bildqualität trumpft das Canon RF 28-70 mm 2L USM mit einer hohen Auflösung bereits ab Offenblende sowie den äußerst gerin- gen optischen Fehlern auf.“  (Benjamin Kirchheim) Das PhotoWeekly-Urteil  Das hat uns gefallen: Die Kombination aus Schärfe, Fokus und f/2-Bokeh adelt das 28-70er zum besten Alltagsobjektiv, das Canon je gebaut hat. Es wird vermutlich in einigen Jahren einen kleinen Legendenstatus erlangen und entspre- chend wertstabil bleiben.  Hier besteht Nachbesserungsbedarf: Optische Perfektion erreicht auch dieses Schwergewicht nicht und ganz offenbar ist es sehr teuer. Die ei- gentliche Frage ist aber: Braucht es wirklich f/2 – oder reicht dir nicht auch das kommende 24-70 mm f/2.8 mit Bildstabilisator für EOS R? Canon RF 28-70 mm f/2L USM N 079 O 21/2019 sehr gut