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divingEurope 3|2017 F rühmorgens treffen wir uns an der Rast- stätte Heidi Land und fahren gemein- sam Richtung Albu- la-Pass. Zusammen mit mei- nem Freund und Freediving Insructor Silvi Haldi wollen wir dieses Mal unter dem „schöns- ten Flecken“ der Schweiz die Luft anhalten, sprich zum Frei- tauchen gehen: einen Tag am Dreamlake im wunderschönen Graubünden genießen und ab- schalten. Die überlangen Flossen und alles andere Nötige haben wir auf dem Buckel, mit Sack und Pack haben wir eine Stunde Wanderweg vor uns, der ei- gentlich als leicht bis mittel ein- gestuft ist. Unzählige fragende Gesichter begegnen uns, zu- mal ich meine große Unterwas- serkamera in der Hand halte. Sieht alles ein bisschen anders und schwerer aus als bei den Normalen auf knapp 2000 Me- ter Höhe. Vollkommen durchge- schwitzt kommen wir an einem Sonntag Mitte November zu unserem Ziel: fürstlich werden wir durch den unglaublichen Anblick des Traumsees belohnt und können es kaum erwarten, unter die Wasseroberfläche zu blicken. Doch was ist das? Dieser spie- gelnde und der zur Mitte hinge- hende gräuliche Schleier auf Teilen des Sees? Eis – kann das schon sein? Schnell ei- nen großen Stein suchen, den 128 auf den See werfen und kurz warten: mit einem lauten Knall kommt unser Geschoss zum Stillstand- und bleibt liegen. Mit unglaubwürdigen Gesich- tern und einem breiten Grin- sen kommen wir zur Einsicht: tatsächlich schon zugefroren an einigen Stellen, speziell am Ufer. Aber vieles ist noch eis- frei. Und jetzt? Okay, echt cool. Ein Ast muss her, mit dem wir ein Loch am Ufer in das Eis rammen kön- nen, um einen guten Einstieg zu bekommen. Weiter draußen sieht es ja anders aus. Dass wir nun noch mehr begafft wer- den ist klar. Dutzende Wande- rer-Augen starren auf uns, eine Mutter schüttelt nur den Kopf und erzählt ihrer Tochter ges- tenreich, dass wir wahrschein- lich nicht ganz bei Trost sind. Kennt die mich vielleicht? Wir versenken uns – und es ist einfach unbeschreiblich, was wir alles in dieser traum- haften und teils vereisten Un- terwasserwelt sehen: Bäume, Seegraswiesen und allerlei Fi- sche. Ganz beeindruckend ist die Abrisskante des Sees auf fünf Meter Wassertiefe, wo das Seegras abrupt aufhört und die Kante uns auf sandige 25 Me- ter Tiefe abgleiten lässt. Die Sichtweite ist glasklar, manch- mal ein wenig milchig. Vielleicht von den Gasen, die an einigen Stellen austreten? Mein Bud- dy schaut mich ganz unten am Seeboden an und gibt mir ein großes okay-Zeichen: Glücks- gefühl 100 Prozent, ich beant- worte es freudig zurück, ein- fach traumhaft. Doch das kalte Wasser mit nur zwei bis drei Grad holt uns bald in die Realität zurück, denn unsere Anzüge sind dünn. Das anschließende Umziehen aus dem nassen Anzug ist ein Kampf gegen die Kälte. Nix wie rein in die warmen Klamotten. Es war ein Traum und doch keiner, alles Wirklichkeit: ein unglaubliches Schauspiel der Farben des Sees, der Fichten und Arven, ringsherum die ein- malige Bergkulisse. Es war ei- ner der besten Abstiege, den wir beide je gehabt haben beim Freitauchen. So etwas schweißt die Freundschaft noch mehr zusammen, denn absolutes Vertrauen in den Tauchpartner bei solchen Umständen ist na- türlich Voraussetzung. Beim nun leichteren Abstieg zum Auto vergeht unser Lä- cheln keine Minute – es war einfach Weltklasse. Und das bei uns in der Schweiz auf fast 2000 Meter Höhe im Lai da Pal- puogna. Kaum zu glauben.